Agora, 3 Monate nach dem Neustart

Jede Woche stellen wir in AGORA ein Foto eines fotocommunity-Mitglieds anonym zur Diskussion:
DIREKT. EHRLICH. KONSTRUKTIV.

… und dies seit nunmehr drei Monaten seit dem Neustart. Wir haben das Agora-Team getroffen und ihnen einige Fragen zum Thema „Agora“ und den Erfahrungen nach dem Neustart gestellt. Das Interview findest Du in diesem Beitrag und am Ende auch das aktuelle Agorafoto der Woche!

 

Vor drei Monaten wurde Agora neu gestartet. Was ist Agora und was macht Ihr neu?

Die Agora wurde bereits vor 10 Jahren gestartet, um in der fotocommunity eine andere Art der fotografischen Diskussion zu ermöglichen: weg von der schnellen, Upload-orientierten Bilderflut, hin zum „Slowfood“. Nach einer etwas längeren Pause haben wir im November 2020 das Format wieder aufgenommen und wollen einen Rhythmus etablieren: Eine Woche Zeit, nur das Bild und die einleitenden Worte seines Autoren.

Zudem ist Agora nun ein Format der fotocommunity Fotoschule. Dieser neue Kontext, bei gleichzeitig lockerer Anbindung, gibt Agora einige neue Freiräume.

 

Was bedeutet das genau?

Auslauf Putlitzbrücke

Agora ermöglicht es den Mitgliedern der fotocommunity, eins ihrer Bilder – anonym – zur intensiven Diskussion zu stellen. Es gibt keine Vorgaben, wer Bilder einreichen darf oder was diese zeigen. Das Agora-Team trifft eine Auswahl aus den eingesandten Fotos, bringt sie für die Veröffentlichung in eine Reihenfolge und dann beginnt der Veröffentlichungsprozess: Informieren der Fotografen, Veröffentlichen, Moderieren der Diskussion (falls nötig) und die Erinnerung an den Abschlusskommentar.
Inhaltlich wird die Diskussion weder vom Agora-Team, noch von den Foto-Autoren beeinflusst. Die Kurse der der fotocommunity Fotoschule können hier flankierend genutzt werden.

 

Was ist das Besondere an Agora?

Es ist das Gegenteil der so oft kritisierten Bilderflut. Ausserdem sind die Foto-Autoren bis zum Ende der Diskussion nicht bekannt. Es geht allein ums Bild und um das Ob und Wie der Auseinandersetzung der Betrachter mit dem jeweiligen Foto: Kann man sich auf das Bild einlassen, kann man es interpretieren oder bleibt man aussen vor?

Wir denken, dass je länger man sich einem Bild widmet, desto tiefer kann man einsteigen: Man sieht neue Details, man erlebt eine andere Wahrnehmung, als wenn man ein Bild nur kurz anschaut. Zusätzlich ermöglicht die Anonymität des Bildautoren eine neutrale, von persönlichen Beziehungen unbeeinflusste Diskussion.

 

Was meint ihr damit?

Manchmal kommt es vor, dass Fotos gelobt oder zerrissen werden – nicht aufgrund ihrer Qualität, sondern weil der Fotograf beliebt ist oder nicht. Bei Agora geht es aber nur um das jeweilige Foto. Welches fotocommunity-Mitglied das Bild eingesandt hat, ist hier nicht von Bedeutung. Daher werden die Fotos während der Diskussion anonymisiert.

 

Betrachten wir die letzten drei Monate: Wie seht Ihr den Neustart von Agora?

Sizilien

Zunächst waren wir über die Menge der Einsendungen überrascht. Es ist toll, wie groß das Interesse an einer ehrlichen Diskussion der eigenen Fotos ist. Daher kann schonmal eine Weile vergehen, bis das Foto dann in Agora veröffentlicht wird. Erst wenn wir ungefähr wissen, wann wir es zeigen, geben wir dem Fotografen die Bestätigung für eine Veröffentlichung.
Der Grund: Wir wollen uns selbst die Zeit nehmen, den Bildern bei unserem Auswahlprozess genügend Raum zu geben, bevor wir Entscheidungen treffen. Nicht jedes Bild spielt auf dem Niveau der großen Museen und genau das macht es für uns spannend: Man kann zu jedem Bild etwas sagen, unabhängig von seiner scheinbaren Qualität.
Auch die Diskussionen an sich haben uns manchmal überrascht und Diskussionen laufen zu lassen, brachte uns auch einige Aha-Momente: Unsere Befürchtung, die Kommentare würden sich möglicherweise vorwiegend auf technische Mängel oder die technischen Daten der Fotos beschränken, hat sich so nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, unsere Hoffnung, dass die Betrachter sich auf die Fotos einlassen, sie aus ihrer Sicht beschreiben und bei dieser Wahrnehmung bleiben, traf häufiger zu, als wir anfangs dachten.

 

Wenn Agora Teil der fotocommunity Fotoschule ist, sollte dann nicht auch ein lehrender Anteil vorkommen?

Im Wahlkampf

Als wir über den Neustart nachdachten, war Teil der Überlegung, dass das Team einleitende Worte zum Bild sagt, warum es ausgewählt wurde und so weiter. Nach einiger teaminterner Diskussion haben wir uns aber dagegen entschieden, weil wir die Diskussion nicht in eine bestimmte Richtung drücken wollen. Dann war die Überlegung, dass wir am Ende etwas sagen. Auch diesen Gedanken haben wir wieder verworfen, weil wir eine Bevormundung vermeiden möchten, welche Kommentare vermeintlich richtig seien und welche falsch. Die Betrachter der Fotos zeigen in der Diskussion, dass sie selbst in der Lage sind, die Bilder über eine zu technische Wahrnehmung hinaus zu sehen und zu kommentieren.
Ausserdem gibt es bereits in der fotocommunity Fotoschule Kurse über Bildaufbau und auch Bildbewertung – wer weiß, welche Kurse noch dazukommen werden.

 

Was waren die Highlights oder Low-lights der letzten drei Monate?

…. Gegenzug ….

Die Highlights waren aus unserer Sicht die Bilder, die für einen Teil des Publikums ungewohnt waren, die nicht sofort verstanden und zu schnell bewertet wurden. Bei jedem dieser Bilder gab es irgendwann einen Moment, einen Kommentar, der neue Perspektiven einbrachte und den Blick auf das Bild erweiterte. Das hat uns sehr gefreut.

Was wir bedauerlich fanden, war eine Diskussion, die sich irgendwann nicht mehr um das Foto, sondern um Weltanschauungen drehte. Die Diskussion drohte zeitweise zu eskalieren, so dass Teilnehmer um Moderation baten. Wir mussten dann, um eine weitere Eskalation zu vermeiden, Kommentare ausblenden und einige Kommentatoren bis zum Ende der Diskussion sperren. Danach haben wir sowohl die Kommentare als auch die Kommentatoren wieder freigeschaltet. Wir löschen keine Kommentare. Das machen manche fotocommunity-Mitglieder ggfs. selbst. Das können wir nicht, denn wir haben lediglich die “normalen” Möglichkeiten, wie alle anderen fotocommunity-Mitglieder auch.

 

Gibt es Feedback von den Bildautoren?

Wir bitten jede Person, die ein Bild bei Agora gezeigt hatte, um Feedback. Die meisten antworten auch. Hier eine Auswahl:

“Die Vielfalt des „Sehens“ war mir bisher so nicht gegenwärtig. Für mich ist die Konsequenz, ich muss mich endlich trauen, mir bekannte Motive anders zu digitalisieren, ich bin auf einer eingefahrenen Schiene.”

“Losgelöst von den Befindlichkeiten des Empfängers hat der Kommentar einen Hauch mehr Authentizität.”

“Es haben sich Fotografen gemeldet, die ich sonst mit meinem Account nicht erreiche”

“Mein Fehler ist, immer über Exifdaten zu reden, ein Bild ist mehr als solche Daten und das habe ich hier in den Anmerkungen gelesen. Das technische ist für mich nicht so wertvoll.”

“(Agora) Verfolge ich schon seit Jahren und ist der Hauptgrund bei Euch angemeldet zu sein.”

 

Gebt ihr uns einen Ausblick, wie es weitergeht?

potsdamer platz am abend

Auch die kommenden Bilder werden wieder verschiedene Niveaus abbilden: Anfänger, Fortgeschrittene, ungewohnte Blickwinkel und manchmal auch Präzision. Es warten auch Bilder, die so stark verändert wurden, dass sie kaum als Foto erkannt werden können. All das werden wir zum passenden Zeitpunkt zur Diskussion stellen.

Wir möchten an dieser Stelle auch unbedingt um weitere Bilder bitten. Am liebsten Bilder, die herausfordern, die erzählen, die „voll“ sind. Fotos, die die Phantasie anregen können. Wir denken, dass es eine besondere Erfahrung ist, eine Woche lang Kommentare zum eigenen Foto zu bekommen, ohne dass die Kommentierenden wissen, von wem das Foto gemacht wurde. Es geht eben um das Foto.

 

Vielen Dank für dieses Gespräch

Wir haben zu danken – besonders auch für das Vertrauen, dieses Format wiederbeleben zu dürfen.

 


 

Das Agora-Foto der Woche

15. – 21.02.2021

Die/Der FotografIn schreibt: „Sie lag da auf unserem Gartentisch wie hindrapiert, war wohl gegen die Scheibe des Wintergartens geflogen. Ich konnte nicht widerstehen und musste die Drossel einfach fotografieren, bevor ich sie begrub. Ihr Gefieder war wunderschön, ganz fein und flauschig am Bauch, noch wohl geordnet die Flügelfedern. Gleichzeitig war am Kopf die ganze Gewalt des Aufpralls zu sehen. Diesen Gegensatz wollte ich festhalten, bevor er verging. Klar, und zwischendurch kam immer wieder der Gedanke: Kann man so was zeigen? Wird so ein Bild als abstoßend empfunden?“

 

Du hast noch bis zum Sonntag – 21. Februar 2021 – Zeit, dieses Foto für Dich zu interpretieren, Du kannst es erforschen und individuell für Dich verstehen. Und Du hast bis dahin natürlich auch die Möglichkeit, mit den Mitgliedern der fotocommunity Deine Gedanken zum Foto zu teilen und zu berichten, wie Du das Foto wahrnimmst oder was es in Dir auslöst!

Du möchtest gern mehr über Agora erfahren? Du möchtest eines Deiner Fotos gern in Agora zur Diskussion veröffentlichen? Hier findest Du alle Informationen zum genaueren Ablauf und wie Du Dich mit einem Deiner Fotos bewerben kannst.