Story zum Foto: Asiye Arslan von Marion Ruthardt

Marion Ruthardt – fotocommunity.de„Die Story zum Foto“ erzählt jeden Mittwoch die Hintergrundgeschichte zu einem Bild. Die bisherigen Geschichten findest Du hier. Die heutige „Story zum Foto“ erzählt Dir Marion Ruthardt. Ist eines Deiner Fotos unter besonderen Bedingungen entstanden? Sind bei einem Shooting ungewöhnliche Dinge passiert? Ist Dir nach unzähligen Versuchen endlich „das” Bild Deiner Träume gelungen? Oder hast Du für Dein Foto eine spezielle Technik verwendet, die nicht alltäglich ist?

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Asiye Arslan von Marion Ruthardt

Asiye Arslan von Marion Ruthardt

Ich bin Straßenmalerin. Ich bin schon sehr viel Begeisterung vom Publikum gewöhnt, da ich meistens dreidimensionale Bilder male und das derzeit sehr modern ist. Dieses Jahr beim Straßenmalerfest in Neustadt bei Marburg entschloss ich mich aber, ganz in Ruhe und „old-fashioned“ klassisch 2d zu malen. Und da erlebte ich eine Überraschung, denn Ruhe gab es nicht, da ich ein außergewöhnlich bewegtes Publikum bekam.

Die ältere Frau

Als Motiv wählte ich nämlich eine ältere Frau aus, die mir seis Jahren auffällt, da sie sehr pittoresk – jedes Jahr wenn wir malen–  alleine auf der gleichen Bank sitzt, immer eine weiße Strickjacke an, und dekorativ mit Kopftuch vor den Fachwerkhäusern und mit Rosen umrahmt. Mir erschien sie als eine Art Denkmal von Neustadt.

Natürlich versuchte ich erst mehr über sie zu erfahren und das ist ihre traurige Geschichte:

Ihr Name ist Asiye Arslan. Sie lag 1980 im Krankenhaus und erhielt Besuch von ihrem Mann und zwei ihrer jüngsten Söhne. Kinder waren damals im Krankenhaus verboten, deshalb ließ der Vater die Söhne (Ramazan 3 Jahre alt und Mohammed 4 Jahre alt) während seines Besuches draußen spielen.

Mohammed verschwand
Als er zurück kam, war Mohammed verschwunden. Trotz aufwendiger Suchaktionen wurde niemals eine Spur von Mohammed gefunden – auch keine Leiche.

Diesen Schock hat die Mutter bis heute nicht verwunden. Deshalb sitzt sie täglich auf der Bank. Wenn man genauer schaut, mit dem Foto ihrer Söhne in der Hand und versucht Mohammed wieder zu finden.

Nun fing ich also an zu malen und wie sich herausstellte, war die alte Dame gar nicht allein, sondern hatte sogar noch 6 übrige Kinder. Diese Kinder waren so gerührt! Ich hatte nun ständig eine türkische Großfamilie um mein Bild stehen, die mir ununterbrochen Essen brachten. (Auch Ramazan lernte ich dabei kennen, er kann sich an nichts erinnern, was damals geschah).

Dann stellte sich heraus, dass alle Neustädter die Frau seit Jahren beobachten, hinter vorgehaltener Hand sich die dollsten Gerüchte zuflüstern und die wenigsten sich trauten, direkt mit ihr in Kontakt zu treten. Was auch nicht einfach ist, muss dazu gesagt werden, da dieses Trauma die Frau in ihre eigene Welt gedrängt hat.

Tränen in den Augen
So hatte ich dann plötzlich auch noch viele, viele Neustädter mit Tränen in den Augen um mein Bild stehen, die endlich mehr über das Schicksal erfuhren. Plötzlich stand auch eine Journalistin der Marburger Zeitung da – normalerweise berichtet Marburg nicht über das Straßenmalerfest in Neustadt.

Zum Schluss gibt es immer eine Siegerehrung, da die entstandenen Bilder bewertet werden. Und dort auf der Bühne kamen dann auch noch die Enkelkinder der Oma Asiye zu Wort – sie berichteten auch noch auf rührende Weise, was sie noch zu dem Hauptthema ihrer Familie zu berichten hatten.

Also noch nie habe ich so ein emotionales Straßenmalerfest erlebt!

P.S.: Ich muss noch dazu sagen, dass die ganze Familie Arslan nichts gegen die Veröffentlichung der Geschichte einzuwenden hat. Alle Familienmitglieder wünschen sich immer noch von Herzen, dass Mohammed gefunden wird und freuen sich deshalb über Öffentlichkeit.