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Die Story zum Foto: Solargraphie – Ultra-Ultra-Langzeitbelichtung von Bernd Nowack

Bernd Nowack – fotocommunity.de„Die Story zum Foto“ erzählt jeden Mittwoch die Hintergrundgeschichte zu einem Bild. Die bisherigen Geschichten findest Du hier. Die heutige „Story zum Foto“ erzählt Dir Bernd Nowack. Ist eines Deiner Fotos unter besonderen Bedingungen entstanden? Sind bei einem Shooting ungewöhnliche Dinge passiert? Ist Dir nach unzähligen Versuchen endlich „das” Bild Deiner Träume gelungen? Oder hast Du für Dein Foto eine spezielle Technik verwendet, die nicht alltäglich ist? Teil uns Deine Geschichten über dieses Formular mit – wir melden uns bei Dir uns stellen die Geschichten hier im Blog vor.

Ein halbes Jahr am Weiher (Solargraphie) von Bernd Nowack

Ein halbes Jahr am Weiher (Solargraphie) von Bernd Nowack

Hast Du schon einmal von „Solargraphie“ gehört?

Die Kamera wird sechs Monate alleine vor Ort gelassen, wobei mit „Kamera“ eine Bierdosen-Lochkamera gemeint ist. Aufgezeichnet wird dann der Lauf der Sonne über diese Zeit, wo die bewölkten Tagen als Lücken sichtbar werden.

Mögliche Gefahren
Es geht bei der Solargraphie nicht nur darum, ein Bild zu komponieren, das über 180 Tage aufgenommen werden kann. Sondern auch darum, einen Ort zum Befestigen zu finden, der die ganze Zeit stabil ist. Und das Wichtigste: Menschen sind neugierig und fragen sich, was der „Müll“ soll, der dort mit Klebband, Kabelbindern oder Baukleber irgendwo befestigt ist. So sind viele Büchsen verschwunden, andere sind eingedellt, d.h. jemand hat hineingetreten oder wollte sie abnehmen.

Es können Vögel kommen und Löcher in den Deckel hacken. Es kann eine Putzmannschaft kommen und die „rumliegenden“ Dosen entfernen. Die Befestigung kann sich in Wind und Wetter lösen und die Dose verrutschen. Und doch „überleben“ immer wieder Kameras – auch mitten in der Stadt.

Das Bild, welches Du oben sehen kannst, ist an einem Waldweiher entstanden. Zweimal hatte ich schon Büchsen ausgebracht, und zweimal hat es nicht geklappt. Die Stelle sollte knapp über dem Wasser sein, um auch die Spiegelung mit auf das Bild zu bekommen. Ich habe daher einen Stock in den Boden gehämmert und daran die Dose befestigt. Das ist schon auffällig, auch wenn ich dafür gesorgt hatte, dass es vom Weg aus nicht wirklich sichtbar war.

Der erfolgreiche dritte Versuch
Einmal war nach einem halben Jahr nichts mehr zu finden, das zweite Mal hat sich der Stock gelöst und nach einem Monat Belichtungszeit war Schluss. Das dritte Mal hat es dann geklappt, alles war noch da und nach 180 Tagen warten konnte ich das fertige Bild betrachten.

Und „betrachten“ ist bei der Solargraphie wörtlich gemeint: in der Büchse befindet sich ein schwarz/weiß Fotopapier, auf welchem sich nach 6 Monaten ein Negativ befindet: sichtbar sind nach dem Öffnen braun-gelbe Spuren der Sonne und der Umgebung. Geöffnet wird in einem abgedunkelten Raum, wobei völlige Dunkelheit nicht nötig ist – das Bild ist bei wenig Licht einige Zeit stabil.

Anschließend wird gescannt, in Photoshop die Farben umgekehrt und somit das Positiv erhalten. Dann noch etwas normale Bearbeitung (Kontrast, Tonwertumfang u.ä) und fertig ist das Bild. Eine Entwicklung ist also nicht nötig – was chemisch passiert, ist die direkte Bildung von metallischem Silber durch das Licht.

Faszination Solargraphie
Das faszinierende für mich an der Solargraphie: es ist eine Ultra-ultra-Langzeitaufnahme, bei der von der Komposition zum fertigen Bild ein halbes Jahr vergeht (von einer Sonnenwende zur anderen, in diesem Fall hier von Ende Dezember bis 21. Juni). Aber auch der Zufall ist ein großer Mitarbeiter.

Die Farben, die entstehen, sind in jeder Dose anders, wobei die Feuchtigkeit, welche sich in der Dose sammeln kann, ein wichtiger Mitspieler ist. Zu einem Teil gebe ich es also aus meiner Hand und lasse die Umwelt mitgestalten, wie das fertige Bild aussehen wird. Zum anderen ist es extrem fordernd, an einer guten Location auch einen guten Ort zum Befestigen zu finden.

Ein Geländer ist zwar perfekt, aber dort überlebt eine Dose nicht ein halbes Jahr unberührt! Kreativität im Verstecken ist also gefragt, so dass doch noch das gewünschte Motiv auf den Film gebannt wird. Auch wenn die Dose überlebt, kann doch noch vieles schief gehen, zum Beispiel das Papier ist etwas verrutscht und vor das Loch gelangt, oder irgendetwas Unbekanntes hat dazu geführt, dass nichts auf dem Bild erscheint und nur teilweise etwas aufgenommen wurde.

Jedes Bild ist so ein einzigartiges Unikat und die Freude über jedes gelungene Bild ist groß, das macht für mich die Faszination an der Solargraphie aus.