Die Story zum Foto – Die Geschichte eines Films – ORWO NP18

Die Geschichte zum Foto
In der heutigen Geschichte, geht es um ein kleines Wunder der Fotografie oder besser noch: der Photographie. Alles dreht sich diesmal um Ereignisse, die lange zurückliegen und die lange verloren schienen oder besser noch: von denen eigentlich niemand wußte, daß sie überhaupt verloren waren. Klingt etwas kryptisch, ist es aber gar nicht – lest einfach die Story.

fotocommunity Fotograf  Photographische Versuchsanstalt = Roger Schmidt schreibt:

Nur einem Zufall ist es zu verdanken, daß eine kleine Geschichte ans Licht geholt wurde. Denn bisher lag sie im Dunkel und zwar eingewickelt in schwarzem Papier auf einer ca. sechs Zentimeter breiten Rolle. Es geht hier um einen Streifen Zelluloseacetat, auf dem eine Schicht Silberhalogenid aufgebracht wurde, welches vor über 50 Jahren in Bruchteilen einer Sekunde etwas Licht abbekam. Kurz: es geht hier um einen Rollfilm der Marke ORWO NP18.

Ich bin in der DDR geboren und die Wende erlebte ich mit 21 Jahren. Ich fotografiere eigentlich schon immer und war natürlich auch im Fotoklub organisiert. Die DDR ist inzwischen weg, der Fotoklub auch, aber die Leidenschaft und die Pentacon six TL ist geblieben.

Natürlich sammle ich auch diverse Sachen und hänge auch beim Internet-Auktionator am Bildschirm. So kam dann dieser NP18 in die Auktion und der fehlte in meiner Sammlung. Ich kannte bis dato nur die Sorten NP15, NP20,22 und NP27. Aber NP18 war mir bisher völlig unbekannt. Als original verpackt angeboten, bekam ich den Zuschlag für 4 Euro. Ich dachte, es ist sicher spannend, diesen Film mit der Pentacon six TL zu belichten. Immerhin ist das Verfallsdatum mit August 1966 angegeben.

Aber dann die Enttäuschung, der Film war schon belichtet. Das kann man beim Rollfilm ja sehr gut sehen. Naja, egal, ob ich ihn belichte oder jemand es schon tat, er hatte eine Entwicklung verdient.

Für einen alten ORWO gibt es nur eine Chemie – Calbe A49 Feinkornentwickler! Ich habe ihn dann bei 20 Grad 12 min entwickelt. Normzeit ist eigentlich 10min – aber bei dem Alter gönnte ich ihm etwas mehr Zeit. Dann die Überraschung. Es waren 6×9 Bilder drauf und zwar nicht irgendwelche Personen, sondern eine unbekannte Landschaft und irgend eine “Moschee”. Das Trocknen dauerte eine gefühlt Ewigkeit.

Den Verkäufer schrieb ich an, um mehr zu erfahren. Er schrieb folgendes zurück:
“Hallo … ich verstehe diese Frage zwar nicht wirklich, aber diesen und die anderen von mir angebotenen Filme sind mir bei einer Wohnungsberäumung in Spremberg /NL in die Hände gefallen. Viele Grüße”

Also Niederlausitz, Berge haben die ja, aber warum gibt es da Moscheen? Also 1960 bestimmt noch nicht.  Ich erzählte dann die Geschichte meinem Kollegen. Ein richtig guter Fotograf, Moslem und Reisender. Als ich ihm die Fotos zeigte, wußte er sofort wo das ist! Ich war total begeistert.

Hier ein Ausschnitt aus unserem Gespräch (Chat):
K: Uzbekistan
K: Kalyan Moschee
R: Tatsächlich. Das ist ja geil.
K: ich kenn die, weil ich hab mal meine Reise in Uzbekistan geplannt.
K: und auch weil ich Moslem bin und hab das inislamische Historie gelernt – Samarkand war mal ein islamische Center für Lernen.
R: Also ich bin begeistert. Da fotografiert einer vor 60 Jahren eine Moschee, der Film gerät in Vergessenheit und bei einer Wohnungsauflösung nimmt sich der Fotosachen ein anderer an. Später als er sein analoges Hobby aufgibt, verkauft er seine Filme bei eBay. Ich sehe zufällig, daß der Film belichtet ist und entwickle ihn. Du sagst mir prompt, wo das ist! HAMMER – Wäre ich Christ wäre das ein Zeichen für mich.
K: unglaublich, na?
K: wirklich, besser Story als was heutzutage in Filmen gibt
R: Ja, wirklich. Dann wird das Gebirge auch die Gegend dort sein. Da kann man echt einen Film draus machen.. “In the footsteps of NP18″

Wir haben dann noch ein bißchen gepuzzelt und herausgefunden, daß es die Sher-Dor-Madrasa ist.
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So, jetzt ist die Geschichte zu Ende. Oder hat sie nur einen Zwischenstop gemacht? Der Film ist bei mir archiviert und drei der acht Bilder kann man sich in der FC ansehen. Vielleicht geht die Geschichte weiter? Auf einem Foto ist ein Portrait Lenins zu erkennen. In welchem Gebäude mag das sein? Ist es in der Madrasa?

Na wenigstens ist der Film an mich geraten und so konnte ich Euch diese Geschichte zum Foto oder wie hier zum Film erzählen.

Ich fotografiere seit etwa dreißig Jahren und die Dunkelkammer gehörte schon bald dazu. Nach dem Kauf einer digitalen Spiegelreflexkamera vor etwa zwei Jahren geriet ich ins Zweifeln. Ich produzierte eine Menge durchschnittlicher Fotos und wurde nicht recht glücklich. Mittlerweile weiß ich, woran es lag. Es ist die Zeit vor dem Foto. Zu sehen, zu denken, zu komponieren und vor allen Dingen nicht zu fotografieren. Ja richtig gelesen, ich hörte einfach damit auf, jeden Sch… zu fotografieren. Da das auch digital geht, bin ich heute in beiden Welten unterwegs. Ganz besonders liebe ich aber das fotografische Experiment. Alte Filme zu retten, alte Kameras zu sammeln und alte fotografische Techniken zu probieren. In einem Blog will ich dies in Zukunft peu á peu dokumentieren. Mehr dazu unter http://www.photographische-versuchsanstalt.de

Warum der Film nie entwickelt wurde ist unklar, denn eine Reise nach Samarkand machte man in der DDR nicht jeden Tag. Der ORWO NP18 ist ein panchromatischer Negativfilm, den ich nie im Handel gesehen habe. Ich denke, daß er spätestens in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts vom NP20 abgelöst wurde. Die Zahl hinter dem Kürzel NP (Negativ Panchromatisch) bedeutet einfach die Lichtempfindlichkeit in DIN. Also hier sind das dann 18 DIN, was 50 ISO/ASA entspricht. Die Aufnahmen dürften von einem Amateur mit einer Balgenkamera gemacht worden sein. Möglich wäre z.B. eine Zeiss Ikon Ikonta oder Erkona. Letztlich stellt dieser Film die Haltbarkeitsangaben auf der Packung ad absurdum und es lohnt sich immer alten Filmen eine Chance zu geben. Mit etwas Erfahrung geht da einiges.

Hier könnt Ihr Euch noch zwei weitere Fotos des Films ansehen:

http://fc-foto.de/27226108                         http://fc-foto.de/27226151

 

15 thoughts on “Die Story zum Foto – Die Geschichte eines Films – ORWO NP18


  1. merlion -

    Danke für diese tolle Geschichte.

  2. Super-eine tolle Story, ich habe eine ähnliche Geschichte zu berichten
    Ich begann etwa um 1955 mit der Fotographie mit einer 6×9 Agfa Box aus den 40er Jahren.
    Mir fiel damals ein alter AGFA Film aus den 40- Jahren in die Hände, ich belichtete ihn und es
    wurden meiner ersten Bilder mit einem Filmmaterial von wahrscheinlich mehr als 15 Jahren

  3. 1981 war ich in den USA und hatte einige ORWO Chrome Filme dabei. Die waren genauso gut wie Kodak oder Fuji.

  4. Hallo, 1966 muß ein “sehr guter Jahrgang” von ORWO-Rollfilmen gewesen sein. Wir haben im vergangenen Sommer im alten Fotoapparat meiner Eltern (Cert-phot) einen teilweise belichteten NP 20 gefunden. Der Film war damals nicht voll geworden und steckte einfach noch im Apparat. Dieser wurde danach offenbar nie wieder benutzt und lag mit dem halb belichteten Film 46 Jahre im Schrank des beheizten Wohnzimmers. Mein Sohn hat mit der Kamera noch ein paar Probefotos gemacht und dann den Film entwickelt. Es waren Kinderbilder von mir und meinen Freundinnen; ich kann die Aufnahmen ganz sicher auf Ende November 1966 datieren! Im Vergleich zu Deiner Moschee sind meine alten Fotos weniger scharf (viel mehr gab die Certo-phot nicht her) und deutlich grobkörniger. Aber die Qualität der nach fast 50 Jahren entwickelten Aufnahmen war deutlich besser, als die der Bilder auf dem Filmende, das er erst jetzt belichtet hatte

  5. danke für Deinen Artikel. Ich habe auch noch mit NP15 und NP20 gearbeitet, den NP18 kenne ich nicht. Dann gab es in den 80ziger Jahren noch den “FOTO 65″ made in USSR, ein 20DIN Film.
    Ich wünsche Dir viel Erfolg.
    Gruß Karl-Heinz

  6. danke für den Artikel, hab selbst noch mit NP18 und NP20 gearbeitet und selbst entwickelt, eine Dose NP20 hab ich noch original verpackt im Kühlschrank liegen, irgendwann wird der auch noch mal belichtet
    lg ralf

  7. Klasse, das ist das Dessert in der Photographie!
    Gruss Tassos

  8. Vielen Dank, für Eure Kommentare. Ich werde die Informationen dann noch schön auf meinem Blog einarbeiten. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende…
    Gruß Roger

  9. Eine schöne Geschichte!
    Die Filme gibt es noch so ähnlich: efke. Vor allem der 25er ist eine Wucht! Leider nur als Kleinbild und mittlerweile anders gelabelt. Ob die Rollei Filme da auch rankommen weiß ich nicht.

  10. NP18 war der Vorgänger des NP20 (auch in der gleichen – ich meine grünen) Verpackung. 1968 – 70 war ich häufiger in (West-)Berlin. Und als Westdeutscher durfte man dann auch “rüber” – gegen 5 DM Umtausch. Und nach Erwerb einer Straßenbahnkarte war davon i.d.R soviel übrig, daß dafür ein Film (meistens der NP18) gekauft wurde. Später gab´s die Filme dann auch in Westdeutschland. Mein Favorit war der NP15, der meistens in Rodinal gebadet wurde (leider hatte der eine fatale Neigung zur Wölbung, was das Vergrößern etwas erschwerte. Schade, daß es die nicht mehr gibt !

  11. Gefällt mir. Danke sehr für Dein Teilen.

  12. Das Leben – oder auch der Zufall, schreiben die besten Geschichten.
    Was für ein Glück, daß der Film bei Dir gelandet ist.
    Unglaublich!

  13. Diese Geschichte finde ich wieder mal richtig gut ! Danke Schön :-)

  14. Auch ich habe in den Jahren 1960 bis 1980 mit diesem Film gearbeitet. Immer in Neofin-blau entwickelt. Das waren dann rattenscharfe Negative. Weit besser als der Agfapan-15.
    Schade, daß das alles verloren ist, aber die Familienbilder aus der Zeit beware ich sorgsam.